Bin ich drin?

3. April 2008, 08:00 Uhr RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback

Der gute Ruf im Web 2.0

Foto: Freeday, Pixelio.de
Foto: Freeday, Pixelio.de
Das hätte sich George Orwell nicht träumen lassen. 1949 verfasst der britische Autor sein berühmtes Buch „1984“, in dem er das erschreckende Bild eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates, an dessen Spitze die allwissende Institution des „Großen Bruders“ steht, beschreibt.

Diesem Zustand der Überwachung scheinen wir heutzutage näher als jemals zuvor – nur kommen die Beobachter aus einer anderen Richtung als sich Orwell erdacht hat – es ist nicht der Staat, der uns überwacht – wir, die Bürger selbst, sind es, die unseren Mitmenschen ausspitzeln.

Das Web 2.0 macht es möglich. Wer hat noch nicht seinen Namen oder den eines Freundes oder Kollegen gegoogelt? Facebook, Flickr, Xing & Co. – die schönen neuen Anwendungen des Webs 2.0 bauen darauf, Persönliches an die gesamte Internet-Gemeinde preiszugeben. Aber man ist nicht nur selbst verantwortlich für das, was über die eigene Person im Netz veröffentlicht wird, auch Arbeitgeber, Freunde und Feinde können persönliche Informationen über einen selbst ins Netz stellen.

Manchmal mit fatalen Folgen. So musste, wie die Sendung „Frontal 21“ des Senders ZDF erst kürzlich berichtete, eine deutsche Muslima die Flucht in den Untergrund antreten. Im Netz war ein Video aufgetaucht, das die junge Frau beim Geschlechtsakt zeigte. Darauf beschlossen die männlichen Familienmitglieder, die sündige Tochter in ihre Heimat zu bringen, um sie dort zu töten. Zum Glück erfuhr die Frau von dem Plan ihrer Familie und tauchte unter. Heute lebt sie mit Angst und unter falschem Namen.

Welchen Einfluss Informationen aus dem Netz auf die reale Welt haben, musste auch die Handelskette Wal-Mart erfahren. Im Auftrag des Unternehmens hatte die PR Firma Edelman einen Fake-Blog mit dem Namen „Wal-Marting Across America“ ins Netz gestellt. Dort berichtete ein Pärchen, das angeblich mit einem Caravan von Wal-Mart zu Wal-Mart zog, dort nächtigte und mit den freundlichen Mitarbeiter plauderte, von den tollen Erfahrungen ihrer Supermarkt-Tour. Als herauskam, dass es sich bei den Berichten um gefälschte Tatsachenberichte handelte, mussten Wal-Mart und Edelman den Preis für ihre Lügen zahlen – ihr Ruf war ruiniert.

Auch Coca Cola bekam 1999 die Auswirkungen einer schlechten Reputation zu spüren. Ein Kind hatte über Kopfschmerzen und Übelkeit nach dem Verzehr des Erfrischungsgetränkes berichtet – das Gerücht verbreitete sich schnell und immer weniger Menschen kauften die braune Brause. In Zahlen beziffern Experten die wirtschaftlichen Einbußen für den Konzern auf rund 60 Millionen US-Dollar.

Die Beispiele verdeutlichen, dass die digitale Reputation mit der zunehmenden „Internetsierung“ der Menschen immer wichtiger wird. Diese digitale Reputation setzt sich aus allen Informationen zusammen, die im Internet über eine Person oder ein Unternehmen gefunden werden können. Dies kann gut oder schlecht sein – je nachdem, welche Informationsschnipsel sich im Netz finden lassen.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten haben dafür gesorgt, dass Nachrichten und Gerüchte schneller reisen als jemals zuvor und dank Blogs sowie Informationsportalen sind Informationsdichte und -austausch höher und einfacher den je. Das Netz ist zu einer Börse der Aufklärung geworden. Doch wessen Mitteilungen soll man bei all den Angeboten trauen?
Entscheidend ist das Renommee: Hat eine Internetseite in der Vergangenheit viel Wahres berichtet und kann dies durch User-Kommentare und viele Besucher belegen, steigt die Glaubwürdigkeit der Seite und ihrer Betreiber. Eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes Ipsos aus dem Jahre 2006 besagt, das rund 30 Prozent der Internetnutzer in Deutschland ein Produkt nicht gekauft haben, da sie im Internet etwas negatives über das Objekt ihrer Begierde gelesen hatten. Werden hingegen Produkte in diversen Blog gelobt, schnellen auch die Verkaufszahlen in die Höhe.

So macht sich ein guter Ruf auch bei Ebay bezahlt: Verkäufer mit einem guten Image – das bei Ebay auf den Bewertungen der Transaktions-Partner beruht – erreichen im Schnitt einen 7,6 Prozent höheren Preis für ihre verkauften Produkte, als diejenigen Verkäufer, die sich von Zeit zu Zeit schlechte Bewertungen eingehandelt haben.

Aber nicht nur bei kommerziellen Transaktionen ist digitales Renommee von Bedeutung – das Internet ist mehr als ein elektronischer Marktplatz. Besonders für viele junge Menschen ist das Web mittlerweile zum sozialen Raum geworden. Spätestens mit dem Erfolg von virtuellen Gemeinschaften, wie Second Life, Studi- oder SchülerVZ ist das Bild des Internets als globales Dorf passend: wie in jedem Dorf verbreiten sich Gerüchte rasend schnell. Wer gegen die Regeln verstößt, wird aus der Gemeinschaft ausgegrenzt. So schreibt der Online Experte Jochen Mai in seinem Blog: „Wir leben im Zeitalter der Inszenierungen und der medialen Selbstdarstellung. Unsere öffentliche Reputation ist ein entscheidender Teil unserer Persönlichkeit, kurz: Ich bin, wer ich in den Augen der anderen bin.“

Im virtuellen Raum überschneiden sich private und öffentliche Interessen. Wer das Netz als Mittel zur Werbung in der eigenen Sache nutzen will, sollte daher möglichst vermeiden, Privates über sich einzustellen, das nicht tageslichttauglich ist. Schnell finden nicht nur Freunde und Bekannte diese Informationen, sondern auch Personalmanager und Geschäftspartner. Schon wurden Bewerbungen oder Handelsabkommen abgelehnt, da sich im Netz fragwürdige Fotos oder Äußerungen der Kandidaten finden ließen.

Denn digitales Stalking ist heute leichter den je: Mittlerweile gibt es Suchmaschinen, die sich auf das Aufspüren von Informationen über Personen spezialisiert haben, wie „Stalkerati“, „Spock“ oder „Yasni“. Hier gibt man nur den Namen der gesuchten Person ein und die Dienste spucken alles aus, was sich im Netz finden lässt. So weiß beispielsweise der Personalmanager schnell, ob der eingesandte Lebenslauf hält, was er verspricht.

Den Trend zum digitalen Ausspionieren kennt auch Mario Grobholz: „Privatpersonen stehen im Internet zum ersten Mal vor der Aufgabe, Public Relations in eigener Sache zu betreiben“, so der Geschäftsführer und Gründer der „MyON-ID GmbH“. Sein Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, die digitale Reputation ihrer Kunden zu stärken und zu verbessern. Gezielt durchsucht seine Firma das Netz nach unschönen Äußerungen, Bildern und Profilen der Kundschaft und korrigiert die kleinen Makel. So gehören Unternehmen wie „MyOn-ID“, „iKarma“ oder „Reputation Defender“ zu den First-Movern einer neuen PR-Sparte – das Netz wird zu einer erweiterten Visitenkarte, die es zu pflegen gilt. Schon stellen einige große Unternehmen, wie Coca-Cola oder GlaxoSmithKline „Reputation Officers“ ein, die für den guten Ruf ihres Unternehmens Sorge tragen – denn das Netz vergisst nichts.

Kommentar:
Was früher als Privat galt, steht heute im Netz – viele Experten warnen davor. Die eingestellten Daten sind unmöglich zu löschen, besonders dann nicht, wenn sie bereits von einer Vielzahl von Nutzern auf den heimischen Rechner geladen worden sind. So wird das Nackedei-Filmchen der Hotelerbin Paris Hilton bis zum Ende aller Zeiten im Netz verfügbar sein. Schon fordern Medienrechtler und Wissenschaftler ein Verfallsdatum für Meldungen im Internet. Wie das allerdings technisch möglich gemacht werden soll, weiß keiner. So wird in Zukunft die digitale Reputation genauso wertvoll und schützenswert sein, wie der reale Ruf. Laut einer Publikation des PR Experten Weber Shandwick dauert es im Durchschnitt 3,5 Jahre um den ruinierten Ruf eines Unternehmens wieder herzustellen, von den Kosten ganz zu schweigen. Daher wird sich wohl in Zukunft eine Vielzahl von PR-Experten verstärkt auf den Bereich der digitalen Reputation konzentrieren.

Links:
faz.net
karrierebibel.de
iKarma.de
imgriff.com
myonid.de
reputationdefender.com
rolotec.chl
spiegel.de
spock.com
webershandwick.com
yasni.de
zdf.de
zuender.zeit.de

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