Entschleunigung - working hard or working smart?
1. März 2008, 08:00 Uhr RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback“What rational being would devote one minute more to work than is essential — let alone find ways to pack more and more into every waking moment?”
- Adrian Savage
Es tobt ein Kampf an vielen Orten und mit noch mehr Kämpfern. Es ist eine ideologische Schlacht und nein, es handelt sich nicht um das Dreigestirn Microsoft, Apple und Linux - die Rede ist vielmehr von Produktivitätssteigerung und Entschleunigung. In unzähligen Büchern und noch mehr Blogs werden Tipps und Strategien dargelegt, seine Produktivität zu steigern.
Dabei ist (fast) jedes Mittel recht - von Software über Karteikarten, Kalendern und experimentellen Meetingkulturen. Doch keine Bewegung ohne Gegenbewegung und so stellt sich dem hektischen Arbeitsalltag vieler Menschen die Slow-Bewegung entgegen, die Begriffe wie Einfachheit, Nachhaltigkeit und (Lebens-)Qualität auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Der Netscape-Gründer Marc Andreesen vertritt dazu eigen(willig)e Ansichten: er empfiehlt - neben anderen Dingen:
- keinen Terminplan zu führen
- nur zweimal täglich seine eMails abzurufen
- grundsätzlich das (Firmen-)Telefon nicht zu beantworten
- seine Faulheit nicht zu bekämpfen
- Inkompetenz strategisch zu nutzen
- und sich hinter einem Kopfhörer zu “verstecken”.
Natürlich ist nicht jeder Berufstätige in der Position, diese Ratschläge zu befolgen - doch was will uns der Autor damit sagen?
Er versucht im Wesentlichen alle Dinge zu eliminieren, die im Laufe eines Arbeitstags den Flow unterbrechen oder erst gar nicht entstehen lassen. Durch die Konzentration auf Tätigkeiten, bei denen die eigenen Stärken liegen und zu denen man motiviert ist, wird die Leistungsfähigkeit maximiert - auf eine “gesunde” Art und Weise. Er ergänzt das GTD-Prinzip durch Qualität, sowohl im Ergebnis, als auch in der Ausführung: Produktivität ja, aber nicht um jeden Preis.
Diese radikalen Ideen werden im Berufsalltag an ihre Grenzen stoßen, aber auf absehbare Zeit wird diese Rückbesinnung auf die eigenen Fähigkeiten und auf das Prinzip der Reduktion nötig sein. Wenn immer mehr Informationen ihren Weg in das Internet finden und damit erreichbar werden, kann der einzelne Mensch diese Komplexität nur mit Hilfsmitteln und ausgefeilten Strategien beherrschen.
Die Computer-Revolution und das Internet haben dem Nutzer neue Kommunikationswege und Arbeitsweisen eröffnet und ständig kommen weitere dazu. Die grundlegenden Techniken werden abstrahiert und zu noch komplexeren Systemen kombiniert. Doch kann dies immer so weitergehen?
Bereits vor einiger Zeit formulierte Joel Spolsky sein “Law of Leaky Abstractions“. Hinter diesem Titel steckt die Erkenntnis, dass Abstraktionen niemals vollständig sein können.
Als Beispiel führt er Netzwerke an: um mit anderen Rechnern zu kommunizieren, sind diverse Technologien nötig, die aber für den Nutzer unsichtbar ablaufen. Wenn nur eine dieser unzähligen Bausteine versagt, wird die Kommunikation zusammenbrechen oder zumindest unbrauchbar. Aber um den Fehler zu beheben, muss man theoretisch sämtliche beteiligten Teile kennen und beherrschen.
Genauso verhält es sich beim eMail-Versand, bei der Erstellung von Webseiten oder einfach bei der Bedienung eines Computers - um es mit den Worten von Arthur C. Clarke zu sagen: “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.”.
Kommentar:
Die Auswirkungen des Internets und der Technologisierung auf die Gesellschaft und jeden einzelnen Menschen sind unumstritten. Der Alltag stellt hohe Anforderung an Organisation und Konzentration jedes Einzelnen. Die Fähigkeit der Informationsverarbeitung wird zukünftig entscheidend sein.
Aspekte wie Lebensqualität und persönliches Glück haben bis jetzt weniger einer Rolle gespielt und werden von Wissenschaft und Technik gerne ignoriert. Aber es ist wohl komplexer als eine Entscheidung zwischen Be- oder Entschleunigung - diese Erkenntnis ist schon mehr als 100 Jahre alt.
Links:
Mindsharing
Interview mit Marc Andreessen, Spiegel 07/2008
The 4-Hour Workweek
